Monats-Interview mit Stefan Riesen.

Stefan Riesen ist ein echter “Bärnergiel” und die Ruhe in Person. Er spricht langsam und ist auch nicht der schnellste Schwimmer. Auf dem Rad und der Laufstrecke gehört er dafür zu den Besten. 2004 hat er den Ironman France gewonnen und 2006 stand er in Zürich zuoberst auf dem Podest. Mitte Juli will er am Ironman Switzerland erneut siegen.

„Born to Win“ war in jungen Jahren Deine Devise. Ist das immer noch so?
Dieser Vorsatz hat über die Jahre an Bedeutung verloren. Als Duathlet war ich meist der Favorit und konnte viele Rennen gewinnen. Beim Triathlon gehöre ich zwar zu den Besten. Beim Schwimmen bin ich jedoch zu wenig schnell, um immer zuoberst auf dem Podest zu stehen. Wäre ich früher zum Triathlon und somit zum Schwimmen gekommen, wäre das vielleicht anders. Heute will ich einfach immer hundert Prozent geben und bis am Schluss kämpfen.

Du warst ein sehr erfolgreicher Duathlet. Weshalb hast Du zum Triathlon gewechselt?

Meinen ersten Duathlon bestritt ich mit 21 Jahren und schaffte auf Anhieb eine Topplatzierung. Mein Triathlon-Debut mit 27 gewann ich auf Anhieb. Weitere gute Resultate und ein Podestplatz bei meinem ersten Ironman Switzerland folgten. Ich spürte, dass ich auch im Triathlon vorne mithalten konnte. Der Duathlon verlor laufend an Stellenwert und es wurde für die Athleten immer schwieriger Sponsoren zu finden. Im Gegensatz dazu entwickelten sich die Preisgelder beim Triathlon positiv und das Medieninteresse begann zu steigen. Es war also relativ schnell klar, dass eine Profi-Karriere nur als Triathlet möglich war.

Ronnie Schildknecht ist im Augenblick die klare Nr. 1 in der Schweiz. Wie schwierig ist es für Dich in seinem Schatten zu stehen?
Er verdient es im Mittelpunkt zu stehen, denn schliesslich zählen die Resultate. Natürlich möchte ich gewinnen. Aber ich akzeptiere, dass Ronnie im Augenblick einfach besser ist.

Was macht seine Überlegenheit aus?
Ronnie verfügt über sehr viel Selbstvertrauen. Er ist ein super Talent und in Top-Form. Als Triathlet ist er ausserdem im besten Alter. Ich konnte mich zwar in gewissen Bereichen verbessern, brauche aber länger als er für die Erholung. Meine Leistung verläuft in Wellen. Mal bin ich oben und mal unten. Ronnie ist zurzeit immer oben.

Bei der Duathlon-SM 2009 hast Du die Goldmedaille bei den Senioren gewonnen. Gehörst Du mit 36 zum alten Eisen?
Nein, noch lange nicht. Natürlich ist es ein seltsamer Gedanke, in der Senioren-Kategorie ausgezeichnet zu werden. Aber ich kann damit leben und es entlockt mir höchstens ein Schmunzeln. Früher, in der Ära Mauch und Bernhard, war ich immer einer der jüngsten. Jetzt bin ich der Älteste und froh, dass ich mich unter den Besten einreihen kann.

Nebst Deinem Pensum als Triathlon-Profi arbeitest Du Teilzeit. Hat diese Doppelbelastung einen Einfluss auf Deine Leistungen?
Dank meiner Resultate bin ich unterdessen mit guten Verträgen ausgestattet und kann es mir leisten, mich zwei bis drei Monate ungestört auf den Ironman Hawaii vorzubereiten. Im Winter arbeite ich jedoch regelmässig als Maurer. Ich bin gerne draussen und kann mich beim Hämmern auch ganz gut abreagieren.

Wie sieht Deine Zukunft aus?
Meine Verträge laufen noch bis 2010. Im Augenblick lasse ich es noch offen, wie es danach weitergehen soll. Ich schreibe bereits heute Trainingspläne für Hobbiesportler. Ich könnte mir aber auch vorstellen ein Velogeschäft zu führen.

Waren die Kurzdistanz und somit auch die Olympische Spiele je ein Thema?

Nein, für die Kurzdistanz schwimme ich wie gesagt zu langsam. Da hätte ich auf internationaler Ebene keine Chance. Auch Olympische Spiele waren nie eine Option für mich. Hätte ich dies gewollt, hätte ich die Weichen viel früher stellen und mich für den Marathon oder den Radsport entscheiden müssen. Aber dieses Thema habe ich aus verschiedenen Gründen schon sehr früh abgehackt.

Du stehst in letzter Zeit auf Kriegsfuss mit Deinem Rad. Was ist los?
Ich hatte wirklich ein paarmal Pech. Letztes Jahr in Rapperswil ist die Sattelstütze abgebrochen und diesen Frühling in Südafrika bin ich an einer Verpflegungsstation aus Unachtsamkeit in ein Erdloch gefahren und gestürzt. Glücklicherweise habe ich mich nicht schwer verletzt und bloss ein paar Schürfungen abgekriegt. Zuvor hatte ich zehn Jahre nie solche Probleme und ich hoffe, dass die Pechsträhne nun vorüber ist.

Was gefällt Dir am Ironman Switzerland?
Die Radstrecke ist sehr abwechslungsreich. Es gibt Steigungen und Abfahrten, aber auch Strecken, auf denen man so richtig Tempo machen kann. In Zürich geniesse ich sicherlich auch einen gewissen Heimvorteil. Freunde und Bekannte feuern mich vom Strassenrand aus an. Das motiviert unheimlich.

Hawaii ist für viele nicht der schönste Wettkampf, aber der bedeutendste. Weshalb?

Es ist sicherlich der Traum jedes Triathleten in Hawaii zu starten und als Profi möchte man unbedingt auf dem Podest stehen. Aber Hawaii ist hart. Ich mag es eigentlich, im Meer zu schwimmen. Bei starkem Wellengang werde ich jedoch seekrank und steige mit Übelkeit aus dem Wasser. Die Radstrecke ist absolut flach und auf dem Rad sitzt man 180 Kilometer in derselben Position. Der Kopf ist unten, die Sonne kocht und die Gedanken beginnen zu kreisen.

Wie kommst Du aus diesem Dilemma wieder heraus?
Manchmal fliegt man und manchmal lernt man bei einem Tief die Schattenseiten seiner Seele kennen. Ich lege mir jedoch bereits vor dem Wettkampf einige „positive Erlebnisse“ zurecht, die ich mir dann in Erinnerung rufe und die mir aus dem Tief heraus helfen. Manchmal bin ich bereits nach fünf Minuten über den Berg. Und manchmal dauert es länger. Aber solche Phasen durchlebt jede Athletin und jeder Athlet. Auch der Sieger.

Interview: Cornelia Schmid

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